Setzspiel · Spiel 356 von 388 ♥
Primero (Primiera)
Das Glücksspiel aus Shakespeares Zeit – vier Karten, Siebenen zählen 21, und eine Karte jeder Farbe gewinnt den Pot.
- Spieler
- 2–6
- Dauer
- 45 Min.
- Alter
- ab 16
- Anspruch
- mittel
- Karten
- 40 Karten (ohne 8–10), dazu Chips
- Können – Glück
- KönnenGlück
- Jeder für sich – Viel Interaktion
- Jeder für sichViel Interaktion
- Einfach – Komplex
- EinfachKomplex
- Schnell – Lang
- SchnellLang
Stimmung lebhaft
Sammlungen: Spiele für zwei · Spiele für drei · Spiele für vier · Spiele für fünf · Spiele für sechs und mehr · Historische Spiele
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Ausführliche Regeln
- Überblick
- Kartenwerte
- Die Hände
- Einsatz und Rest
- Vorbereitung und Geben
- Setzen und Tauschen
- Aufdecken
- Spielende
- Tipps für Einsteiger
- Varianten
Überblick
Primero war das große Glücksspiel der Renaissance – gespielt an den Höfen Italiens, Spaniens, Frankreichs und im England der Tudors. Jeder hält vier Karten und setzt Chips darauf, die beste Kombination zu haben – oder die anderen das glauben zu lassen. Die bekannteste Hand gab dem Spiel den Namen: die Primero, je eine Karte jeder Farbe. Du gewinnst den Pot (alle Chips, die in einem Spiel gesetzt wurden), wenn alle anderen aufgeben oder wenn du am Ende die beste Hand zeigst.
Ein vollständiges Regelbuch aus dem 16. Jahrhundert gibt es nicht – nur Beschreibungen, Dialoge und ein Kapitel des italienischen Mathematikers Gerolamo Cardano. Die Regeln auf dieser Seite sind eine moderne Rekonstruktion: Sie folgen Mark Waks’ Rekonstruktion des englischen Spiels (2002–03), einschließlich des einfacheren Setzens, das er später von David Whittaker übernahm. Kartenwerte und Hände stammen von Cardano.
- Spieler: 2–6, am besten zu viert. Jeder spielt für sich.
- Du brauchst: ein normales 52er-Blatt, aus dem du alle 8er, 9er und 10er herausnimmst (40 Karten), und Chips (oder Spielmarken) – für alle gleich viele, z. B. je 50. Gespielt wird um Chips, nie um Geld.
Kartenwerte
Jede Karte hat einen Punktwert. Die Farben sind alle gleich viel wert.
| Karte | Punkte |
|---|---|
| 7 | 21 |
| 6 | 18 |
| A | 16 |
| 5 | 15 |
| 4 | 14 |
| 3 | 13 |
| 2 | 12 |
| K, D, B (Bildkarten) | 10 |
Die Hände
Es gibt fünf Arten von Händen, von der besten zur schwächsten:
| Hand | Was sie ist | Punkte |
|---|---|---|
| Chorus | vier Karten gleichen Werts (vier Könige, vier 7er …) | 40–84 |
| Fluxus (Flush) | alle vier Karten in einer Farbe | 42–70 |
| Supremus („Fünfundfünfzig“) | A, 6 und 7 einer Farbe plus eine beliebige vierte Karte | 55 |
| Primero | je eine Karte jeder Farbe | 40–81 |
| Numerus (Punkt) | zwei oder drei Karten einer Farbe | 20–54 |
- Es zählen nur die Karten, die die Hand bilden. Beim Numerus zählen nur die Karten seiner Farbe; hast du zweimal zwei Karten einer Farbe, zählt die bessere. Alle anderen Hände zählen alle vier Karten (Supremus: immer 55).
- Jede Hand ist mindestens ein Numerus, denn unter vier Karten sind immer zwei einer Farbe – außer bei einer Primero.
- Vier gemischte Bildkarten (K-K-K-B) sind kein Chorus; alle vier müssen denselben Rang haben.
- Eine höhere Art von Hand gewinnt immer. Bei gleicher Art gewinnen mehr Punkte. Ist es dann noch gleich, gewinnt, wer am nächsten rechts vom Geber sitzt.
Beispiel: 7♠ 6♥ A♦ K♣ ist eine Primero mit 21 + 18 + 16 + 10 = 65 Punkten. 7♥ 6♥ 5♥ K♣ ist nur ein Numerus mit 54 (der König zählt nicht) und verliert gegen jede Primero. A♥ 6♥ 7♥ 2♣ ist ein Supremus und schlägt beide.
Einsatz und Rest
Vereinbart vor dem Spiel zwei Beträge:
- den Einsatz – den kleinsten Betrag, den man setzen darf, z. B. 1 Chip;
- den Rest – das Höchste, was man in einem Zug setzen oder erhöhen darf, z. B. 3 Chips. (In den englischen Dialogen der 1590er-Jahre ist der Rest dreimal so hoch wie der Einsatz.)
Vorbereitung und Geben
Jeder zieht eine Karte; wer den niedrigsten Punktwert zieht, gibt zuerst (eine Bildkarte ist am niedrigsten). Gegeben und gespielt wird gegen den Uhrzeigersinn (nach rechts), und nach jedem Spiel gibt der rechte Nachbar.
Der Geber mischt und gibt jedem zwei Karten verdeckt, einzeln, beginnend mit dem Spieler zu seiner Rechten – der Vorhand. Der Rest der Karten kommt verdeckt als Ziehstapel in die Mitte.
Setzen und Tauschen
Jedes Spiel hat zwei Setzrunden: eine mit zwei Karten auf der Hand und eine mit vieren. In jeder Runde ist reihum jeder dran, beginnend mit der Vorhand (oder dem Nächsten, der noch dabei ist), und macht eins davon:
- Setzen: als Erster in dieser Runde Chips in den Pot legen – mindestens einen Einsatz, höchstens den Rest.
- Halten: so viele Chips nachlegen, dass du so viel gesetzt hast wie der Höchste in dieser Runde. Danach darfst du auch erhöhen: mehr setzen, bis zum Rest.
- Passen: vorerst nichts setzen. Hat jemand gesetzt, darfst du nur einmal passen; beim nächsten Mal musst du halten oder aussteigen.
- Aussteigen: aufgeben. Deine Chips bleiben im Pot.
Tauschen: Wenn du nicht aussteigst, darfst du danach beliebig viele Karten verdeckt ablegen und genauso viele vom Ziehstapel nachziehen. Ist der Ziehstapel leer, mischt ihr die abgelegten Karten zu einem neuen.
Eine Runde endet, wenn alle, die noch dabei sind, gleich viel gesetzt haben – oder wenn alle gepasst haben, ohne dass jemand gesetzt hat.
Erste Runde: Setzt jemand und keiner hält, muss der Spieler direkt vor dem Setzenden (der als Letzter spricht) halten – er darf weder passen noch aussteigen.
Zweite Runde: Nach der ersten Runde gibt der Geber jedem, der noch dabei ist, zwei weitere Karten, und die zweite Runde läuft genauso – nur muss niemand halten. Setzt in der zweiten Runde überhaupt niemand, werfen alle ihre Karten weg, und der Pot bleibt fürs nächste Spiel liegen.
Ist nur noch einer dabei, gewinnt er den Pot, ohne seine Karten zu zeigen.
Aufdecken
Ist die zweite Runde vorbei und sind noch zwei oder mehr Spieler dabei, zeigen alle ihre vier Karten. Die beste Hand gewinnt den ganzen Pot.
Beispiel: Anna ist Vorhand, dann kommen Ben, Carla und Dan (der Geber). Einsatz 1, Rest 3. Erste Runde: Anna passt. Ben setzt 2 Chips. Carla und Dan passen. Jetzt ist Anna die Letzte vor Ben, und keiner hat gehalten – also muss Anna halten: Sie legt 2 nach. Ben hat schon 2 gesetzt und passt. Carla hat einmal gepasst und steigt nun aus; Dan hält mit 2. Im Pot liegen 6. Anna, Ben und Dan tauschen nun eine, zwei und eine Karte. Zweite Runde: Alle, die noch dabei sind, bekommen zwei Karten dazu. Anna passt, Ben setzt 3, Dan steigt aus, Anna hält mit 3. Ben zeigt 7♥ 6♥ 5♥ 2♣, einen Numerus mit 54. Anna zeigt 7♠ 6♥ A♦ K♣, eine Primero mit 65, und gewinnt den Pot von 12.
Zu wenig Chips: Kannst du einen Einsatz nicht mehr bezahlen, darfst du alles setzen, was du noch hast, und bleibst dabei. Du kannst dann von jedem anderen nur so viel gewinnen, wie du selbst gesetzt hast; der Rest kommt in einen Nebenpot für die anderen, wie beim Poker.
Spielende
Primero hat kein natürliches Ende. Spielt eine vereinbarte Zeit; wer dann die meisten Chips hat, gewinnt.
Tipps für Einsteiger
- Lern zuerst die Kartenwerte: 7er, 6er und Asse sind wertvoll, Bildkarten am wenigsten.
- Die Primero ist die häufigste starke Hand. Siehst du vier verschiedene Farben kommen, bleib dabei; mit drei Karten einer Farbe hoffst du auf den Fluxus.
- Zwei Karten in der ersten Runde verraten wenig – setz noch nicht den Rest darauf.
- Denk an das Halten-Müssen: Setzt du in der ersten Runde, muss einer zahlen, um bei dir zu bleiben.
Varianten
- Italienisches Primero (Cardano): In Waks’ Rekonstruktion des italienischen Spiels nennt jeder beim Setzen eine Hand und Punkte („Primero 60“), und jedes neue Setzen muss eine bessere Ansage machen. Bluffen ist erlaubt, aber gewinnen kannst du nur, wenn du mindestens die zuletzt angesagte Hand hast – mit wenigen erlaubten Untertreibungen, z. B. darf man einen Supremus als Primero ansagen. Schafft das niemand, bleibt der Pot fürs nächste Spiel.
- Primero nach Suzuki: In Jeff Suzukis Rekonstruktion gibt es kein Aussteigen: Wer nicht setzen will, muss passen und eine oder zwei Karten tauschen, was die Hand meist verdirbt.
- Römisches Primero: Nach Girolamo Zorlis Deutung von Francesco Bernis Text von 1526 spielte man in Rom mit allen 52 Karten.
- Verlierer-Primero: Cardano erwähnt eine seltene Form, bei der die schwächste Hand gewinnt.
Hintergrund & Geschichte
- Familie: Setzspiel (Vierer-Hände, Wetten auf die beste Kombination)
- Herkunft: Italien oder Spanien, frühes 16. Jahrhundert
- Auch bekannt als: Primiera (italienisch), Primera (spanisch), Prime (französisch), Primus; vielleicht Prima Vista
- Ähnliche Spiele: Goffo, Scopa, Ambigu, Post and Pair, Brag, Mus, Poker
Primero gehört zu den ältesten Kartenspielen, über deren Spielweise wir überhaupt etwas wissen. Laut englischer Wikipedia gilt Francesco Bernis scherzhaftes Gedicht über die Primiera, 1526 in Rom mit einem Prosa-Kommentar gedruckt, als ältestes erhaltenes Werk, das ein Kartenspiel beschreibt. Schon Berni bemerkte, dass man es von Ort zu Ort anders spielte. Der Mathematiker Gerolamo Cardano untersuchte es in seinem Buch über Glücksspiele, Liber de Ludo Aleae, und hielt es laut David Parlett für das edelste aller Kartenspiele. Das italienische 40er-Blatt ist eng mit ihm verbunden: Cardanos Kartenwerte (7 = 21, 6 = 18, Ass = 16) entscheiden bis heute den „Primiera“-Punkt beim Scopa, und laut pagat.com nennen Tressette-Spieler bestimmte Kartenpaare noch immer 25, 28 und 29.
In England war Primero das Modespiel am Hof der Tudors. Shakespeare lässt Heinrich VIII. mit dem Herzog von Suffolk spielen, und Falstaff klagt: „I never prospered since I forswore myself at primero.“ Laut Wikipedia spielt Launcelots „I have set up my rest“ im Kaufmann von Venedig auf den Rest an, einen Einsatz beim Primero. John Florios Sprachbuch Second Frutes (1591) und John Minsheus spanisch-englische Dialoge (1623) enthalten ganze Primero-Partien als Gespräch. Ein Gemälde des 16. Jahrhunderts, Vier Edelleute beim Primero, zeigt eine laufende Partie. Laut Wikipedia verlor Primero Ende des 16. Jahrhunderts an Boden gegenüber Maw, dem Lieblingsspiel Jakobs I., und Charles Cotton schrieb, es sei mit dem Aufkommen des L’Hombre aus der Mode gekommen.
Primero wird oft als Vorfahr des Pokers bezeichnet, und laut italienischer Wikipedia geht das Wort „Flush“ auf seinen Fluxus (italienisch flusso) zurück. Parlett sieht jedoch kaum oder gar keinen direkten Einfluss der Vier-Karten-Spiele auf Five-Card Draw und seine Verwandten; näher verwandt sind Drei- und Fünf-Karten-Spiele wie Brag und Poque. Laut Parlett werden Nachfahren namens Goffo und Bambara in Italien noch gespielt. Weil keine vollständigen Regeln erhalten sind, spielt man heute nach Rekonstruktionen von Mark Waks, Jeff Suzuki, David Whittaker und Parlett, die sich deutlich unterscheiden.